Eine neue Sicht-weise
Zuerst konsultierte ihr Sohn die Psychoanalyse, erzählt uns Bibiana, einer der Nachwuchssportler der Attajar Academy und dem FC Export, um an einem persönlichen Thema zu arbeiten. “Als sie ihn zu seinem ersten Termine begleitete, wurde ihr bewusst, dass auch sie Teil dieses Themas war, und beschloss, eine individuelle Analyse zu beginnen, um die Ursache dessen zu finden, was nicht nur ihr Unbehagen bereitete.“
Viele Jahre schon begleitete sie eine Ängstlichkeit, erzählt sie uns weiter, der sie versuchte auf verschiedenen Weisen entgegenzuwirken. Wie im therapeutischen und psychiatrischen Diskurs meist üblich, wurde “sie über Jahre hinweg medikalisiert – ohne, dass die Ängstlichkeit verschwand” und ohne dass das Fachpersonal sie nach der Ursache ihres Leidens gefragt hat, oder sich gar mit ihr auf die Suche danach gemacht hatte. Die stille und unpersönliche Behandlung der Symptome mit Medikamenten hat Vorrang vor dem Zuhören.
Seit vier Monaten ist Bibiana nun im analytischen Prozess und erzählt uns, dass sie, nachdem sie von ihrem Analytiker mit Ruhe ohne Eile gehört wurde und durch die psychoanalytischen Fragen geleitet, “in der Analyse zu einem Punkt kam, in der sie sagte: Hier ist es. Hier liegt die Ursache meiner Ängstlichkeit. Hieran muss ich arbeiten.” Und das tut sie, und zwar rigoros, und die Medikamente konnte sie inzwischen absetzen.
Sie hat ihre frühere Tätigkeit als Modedesignerin aus psychoanalytischer Perspektive analysiert und ist unter anderem zu folgendem Schluss gekommen: „Mode ist eine Ausdrucksform des Unbewussten. Mit ihr zeigt man, wer man sein möchte. Außerdem kann sie eine Hülle sein, die einem aufgezwungen wird. Wenn man sich nicht so kleidet, gehört man nicht dazu. Durch die Wahl der Mode versucht man auch akzeptiert zu werden, als das, was man vielleicht gar nicht ist.“
“Etwas aufgezwungen zu bekommen, gesagt zu bekommen, wer man auf Grundlage moralischer Gesetze sein soll oder nicht, was gut ist und was nicht, hat ihre Subjektivität, aufwachsend in einer streng religiösen Familie, stark geprägt.” Durch “die Psychoanalyse hat sie gelernt, zwischen der unbeugsamen, starren Moral und einer gesunden Ethik zu unterscheiden”. Denn die “Ethik leitet einen stets anhand des jeweiligen Kontextes an, was korrekt und was inkorrekt ist, das ist eine fundamental andere Herangehensweise, als die der unveränderlichen, universellen religiösen Moral. Die Ethik gibt die Freiheit zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen”. So lässt Bibiana nun von der lacanschen ethischen Frage leiten: Hast du konform mit deinem Begehren gehandelt? (1)
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Referenz:
(1) Jacques Lacan, Die Ethik der Psychoanalyse. Das Seminar Buch VII, Wien, Turia + Kant, 2021


